Elli Drayss

Die Idee seiner Mutter zum 80zigsten Geburtstag eine Biografie zu schenken kam vom ältesten Sohn. Er und seine Geschwister beauftragten Quintessenz.  Sie bekam ein gebundenes Buch, ebenso alle Geschwister, für riesige Familie wurden Softcover gedruckt.

 


 

Eva Elisabetha ist mein richtiger Name. Das sind die Namen meiner beiden Omas von hüben und drüben. Schneiders Oma hieß Eva, und die Oma in Hambach hieß Elisabeth. „Die Gode“, also meine Tante Eva, wollte dass ich Eva hieß. Meine Mutter war dagegen: „Nein, sonst wird ja daraus auch noch eine Evl!“ Zur Gode hatten sie immer Evl gesagt. Ich bekam dann zwar doch den Namen Eva, wurde aber immer Elli gerufen. Das wurde auch nie in Evi oder Evl abgewandelt.

Die Elli – das bin ich, bis heute. Geboren wurde ich am 21. Juni 1927 in Heppenheim. Ich lebte mit meinen Eltern auf dem Bauernhof in der Heppenheimer Vorstadt. Das war der Hof meines Opas Andreas Schneider. Wir Cousinen und Cousins sind hier alle zusammen wie Geschwister aufgewachsen. Alle waren wir beim Opa daheim. Hier haben wir gegessen, gespielt, gelernt, gearbeitet und gefeiert. Das war mein Elternhaus, auch während des Krieges – der Krieg hatte unsere Familie nur noch enger zusammengehalten. Der Wohnraum war knapp und die Familie groß, da mussten alle zusammenrücken. Meine Großeltern hatten vier Kinder: drei Buben und eine Tochter. Das waren mein Vater Franz, die Gode Eva, der Onkel Andres und der Onkel Peter. Die einzige Tochter meines Opas, meine geliebte Gode, wohnte zuerst in Stuttgart und später in der Darmstädter Straße in Heppenheim. Trotzdem waren sie jeden Tag bei uns. Schon morgens sind sie in die Vorstadt gekommen, nur zum Schlafen sind sie abends wieder nach Hause gegangen. Alle waren noch ledig, bis meine Mutter 1927 aus Hambach in das Haus einheiratete und ich auf die Welt gekommen bin. Etwas später hat mein Onkel Andres die Tante Baweth (Barbara) geheiratet. Sie hatten gleich oben im Haus über der Halle ihren eigenen Haushalt und waren für sich.

Tante Baweth kam ebenfalls aus einer Bauerei in der Vorstadt, der Bauerei Vock. Sie ist oft heimgegangen in ihr Elternhaus und hat dort noch mitgeholfen. Das wurde so akzeptiert, denn früher waren ja alle zusammen eine große Familie. Ihr Mann Andres hat dafür bei uns in der Bauerei mitgeholfen. Beim Opa im Haushalt – da war ich mit meinen Eltern und den restlichen Tanten und Onkeln. Die Familie vom Onkel Peter, dem ältesten Bruder meines Vaters, und wir: Wir waren alle wie eine große Familie, wir haben zusammen in dem Haus gewohnt. Wir hatten zwar jeder unsere eigene Wohnung und Küche, aber wir waren immer unten beim Opa, bei Tante Veronika und Onkel Peter. Alles Leben spielte sich in ihrer Küche ab. Ich habe mir oft gedacht, wir haben da oben so eine schöne Küche und doch bleiben wir immer unten in der alten Küche. Als Onkel Peter 1934 geheiratet hat, kaufte Tante Veronika eine neue Küche. Es wurde noch ein bisschen umgebaut und dann hat es uns wieder gefallen. Dort hielten wir uns alle auf – bis 1945 die Männer wieder aus dem Krieg zurückkamen. Es blieb mein Zuhause, bis zur Heirat. Vater und Mutter lebten oben, und ich war die meiste Zeit unten bei Tante Veronika und Onkel Peter. Als ich geheiratet hatte und nach Lorsch gezogen bin, wurde Tante Veronika oft gefragt, wie es denn ihrer Tochter in Lorsch gehe. Dabei war ich gar nicht ihre Tochter. Auch ihre wirklichen Töchter Maria, Renate und Inge wurden immer wieder gefragt: „Wie geht es denn eurer Elli?“ Ebenso erging es den Söhnen von meiner Gode Eva, dem Günter und dem Helmut: Wir Cousins und Cousinen waren wie Geschwister. Wir kamen eben alle aus einem Haushalt, aus einer großen Familie. Die Leute wussten oft gar nicht, wer denn jetzt zu wem gehört. Und: Wenn wir auf den Acker gegangen sind, wussten wir selbst nicht genau, auf wessen Acker wir gerade waren. War das jetzt Opas Acker oder Onkel Peters? Oder war das der Acker der Gode? Wir waren eben eine Familie. Die Gode, das war die Schwester meines Vaters. Sie hieß Eva Schuster, geborene Schneider. Eigentlich war sie ja meine Patentante, aber sie war eben für die ganze Sippe „die Gode“. Und noch heute wird sie von Kindern und Enkelkindern so genannt: „Ach ja, das war die Gode.“

Das Heppenheimer Schwimmbad ist 1932 eröffnet worden, in dem Jahr, als ich fünf Jahre alt wurde, und im Jahr darauf ist die Gode jeden Morgen mit mir ins Schwimmbad gegangen, da haben wir uns immer zusammen an die Seile im Wasser gehängt. So haben wir zusammen das Schwimmen gelernt. Später hat mir die Gode auch die Zöpfe abschneiden lassen. Die Gode hat sich eben um alles gekümmert. Sie war die stellvertretende Oma. Abends saßen immer die Jungbauern bei uns in der Küche und die Gode hatte ihre Freundinnen dabei. Die haben dann ihre Dummheiten gemacht und ich war da immer mittendrin, in der großen Familie habe ich mich so richtig geborgen gefühlt. Günther und Helmut waren die beiden späteren Söhne meiner Gode. Sie war ja die Schwester meines Vaters und hat den Bruder meiner Mutter geheiratet. Die haben sozusagen getauscht. Darum sagt der Helmut immer: „Elli, deshalb sind wir uns so ähnlich.“ Die Gode, mein Opa, Onkel Peter und die Tante Elise sind mir im Leben immer besonders beigestanden. Die Gode war immer bei uns, wenn ich sie gebraucht habe. Meine Mutter und mein Vater, die hatten da eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Deshalb haben auch die Leute nie genau gewusst, zu wem ich eigentlich gehöre. Wenn ich etwas gewollt habe oder etwas auf dem Herzen hatte, dann bin ich damit zur Gode, zur Tante Veronika oder zum Onkel Peter gegangen. Genauso sind auch meine Cousinen hoch zu meiner Mutter, wenn sie etwas auf dem Herzen hatten. Die Inge zum Beispiel, die hatte mal ein Verhältnis und wollte dann nichts mehr von dem Mann wissen. Da ist sie zu meiner Mutter und hat bei ihr gebeichtet. Einmal, als ich noch klein war, war der Onkel Peter mein Schutzpatron: Mein Vater oder meine Mutter wollte mich versohlen. Da hat der Onkel Peter mich hoch genommen, auf den Milchschrank in der damaligen Küche gestellt und gesagt: „Die Kleine wird nicht gehauen!“ Heute kommen meine Enkel zu mir zum Beichten. Heute muss ich manchmal die Dinge wieder richten. Aber nie musste ich eines meiner Enkel auf den Milchschrank retten.

Autorin: Julia Genazino
Layout & Satz: Barbara Nagel

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