Hannelore Klinger

Manche Dienste entstehen aus dem eigenen Bedarf. Unser Biografieservice ist einer davon. Vor 21 Jahren wollte Petra Schaberger der Mutter ihres Mannes Thomas Klinger, des Gründers von Quintessenz, zum 80. Geburtstag etwas Bleibendes schenken: ihre Geschichte, aufgeschrieben.

Thomas Klinger und Petra Schaberger trafen sich mehrfach für ein, zwei Tage – sie saßen zusammen, redeten, und die Aufnahmen hielten fest, was die Erinnerung bereithielt. Daraus entstand ein richtiges Buch: gestaltet, gedruckt und gebunden. Ein Jahr lang arbeiteten sie daran – und legten es der Jubilarin am Festtag in die Hände.

Auf dem Fest gefiel es nicht nur der Jubilarin. Die Gäste blätterten, lachten, erinnerten sich. Nachdrucke wurden bestellt. Und von da an war es so: Immer wenn die Familie zusammenkam, irgendwann lag dieses Buch auf dem Tisch. Man schlug es auf, zeigte sich gegenseitig Stellen, lachte, sprach darüber. Es wurde zu einem Gegenstand, der Geschichten auslöste – weil er selbst eine war.

Dass daraus ein Angebot für andere werden würde, war nicht geplant. Aber es lag nahe.

 


 

Mein Großvater Heinrich Schleip kam von einem Bauernhof in Reichenbach im Thüringer Wald und suchte sich, als der Erstgeborene den Hof übernahm, einen anderen Broterwerb. Er war ein strenger, disziplinierter Mann, der es in Gotha im Polizeidienst mit diesen Eigenschaften bis zum Oberwachtmeister brachte. Er heiratete die 14 Jahre jüngere Minna Köhler aus Schwarzhausen / Thüringer Wald und gründete mit ihr eine Familie. Mein Vater Otto Schleip wurde als erster Sohn am 26. Februar 1891 geboren. Ihm folgten seine Geschwister, Ernie, Kurt, Erich und Lisbeth. In meiner Mutter Elternhaus war Großmutter Johanna Walther, geborene Quenzler, eine der wenigen selbständigen Unternehmerinnen, eine Schneidermeisterin mit Lehrlingen, die für die ‚Hofdamen‘ nähte. Mein Großvater Emil Walther aus Oberweißbach / Thüringer Wald, war Feinmechaniker beim Militär. Sie hatten 3 Kinder. Die Werkstatt und die Wohnung lagen in der Heinoldlsgasse. Zwei Fenster, das war die ganze Breite von dem Haus. In dem größten Zimmer war die Schneiderwerkstatt. Nähmaschinen waren dort. Heiligabend, erzählte meine Mutter, konnten sie gar nicht bescheren, weil die Großmutter, meine Mutter und ihre Schwester Lisa erst das ganze Haus von oben bis unten putzen mussten. Zu Heiligabend war immer, wie bei jeder Schneiderin, noch nicht alles fertig. Da kam noch eine Hofdame mit der Kutsche vorgefahren, um eine Arbeit abzuholen, erzählte die Großmama. Deshalb haben sie immer erst am ersten Weihnachtstag beschert. Die Großmutter war total überarbeitet. Mit ihrer Schneiderei hatte sie für damalige Zeiten viel Geld verdient. Ihr sehnlichster Wunsch war es, ein eigenes Haus zu haben. Sie legten jeden Pfennig beiseite. Dem Großvater wurden sogar die Zigarren zugeteilt. Jeden Sonntag eine. Er sollte sie ausgehen lassen – dann hielten die Zigarren länger. Sie haben sich nichts gegönnt. Nicht einmal in Großvaters Heimat nach Oberweißbach sind sie gefahren. Es gab ja schon einen Zug. Er wäre gerne noch mal in seine Heimat gefahren, um seine Geschwister zu sehen. Er konnte aber nicht mehr allein fahren, weil er durch die Schüttellähmung behindert war. So hatte sich viel Geld angesammelt, bestimmt 20.000 Mark. Das war für die damalige Zeit eine ganze Menge Geld. Auch hatten die Großeltern sich schon ein Haus in der Ernststraße angeschaut, natürlich im gutbürgerlichen Westviertel. Das wäre ein großer Aufstieg gewesen. Ihr Mann sagte, „Das können wir uns gar nicht leisten.“ „Ach, Emil, sei still!“ Er wusste gar nicht, wieviel sie auf der hohen Kante hatte. (Sie hat öfters mal zu ihm gesagt, er soll still sein, obwohl er nicht viel redete.) Nach dem ersten Weltkrieg, so 1921, als meine Eltern jung verheiratet waren, sagte meine Großmutter, dass sie das Haus jetzt kaufen würde. Die Mädchen hatten bereits ihre Aussteuer bekommen. Doch plötzlich kam die Inflation dazwischen und sie hatten alles verloren. Sie waren bettelarm. Das war eine große Katastrophe für meine tatkräftige Großmutter. Sie war gebrochen, ihr war alles egal. Sie gab die Schneiderei auf. Es war ihr Lebensziel gewesen, im eigenen Haus zu wohnen, und keinen Hauswirt zu haben. Eine Wohnung wollte sie sogar vermieten, um davon zu leben. Es war alles weg. Das hat sie nie vergessen.

Mein Vater war ein sanfter Mensch. Er hatte die Ordentlichkeit seines Vaters geerbt, aber er war ein Mensch mit zwei linken Händen und somit nicht für das Handwerk gemacht. Er wurde Angestellter bei der berühmten Gothaer Versicherung, die damalige Berufsbezeichnung war Bankbeamter. Auch ging er niemals unkorrekt gekleidet aus dem Haus. Zuhause sah ich ihn fast nur mit Hemd und Weste. Manchmal zog er auch seine Hausjacke an, die aus einem glänzenden Stoff gefertigt war, den man damals „Lüster“ nannte. Als er 1930 mit einem Arbeitskollegen eine Ferienfahrt nach Ostpreußen machte, ließ er sich eigens einen Anzug aus hellem Stoff anfertigen! Der Anzug hatte eine Hose im Knickerbocker- Stil – das war damals der neueste Schrei. Dazu gab es auch noch 2 Maßhemden. Bei der Arbeit in der Lebensversicherung wurden selbstverständlich Ärmelschoner getragen, und beim Schuheputzen zuhause wurde eine Schürze angezogen. Meine Eltern hatten einen kleinen Schrebergarten, der etwas außerhalb beim Schützenhaus lag. Wenn er dort doch einmal etwas arbeitete, konnte man ihn im Sommer im Unterhemd und einer alten Hose sehen, die durch Hosenträger gehalten wurde. Er schwitzte selten, hat sich aber auch nicht so schnell bewegt. Meine Mutter trug nie lange Hosen. Wenn es einmal sehr kalt war, wurden wollene Strümpfe unter dem Kleid getragen. Als besonderen Luxus leistete sie sich nach dem Krieg ein Paar mit Lammfell gefütterte Stiefel, die sie sich bei einem Besuch bei meiner Schwester Ursula in Bad Pyrmont gekauft hatte. Mein Vater war sehr auf das Fußballspiel fixiert. Aktiv und passiv. In seinem Verein war er bereits als junger Bursche aktives Mitglied und hat dort gekickt. Sonntags war er immer auf dem Sportplatz, wenn sein Verein spielte. Ebenso sein Bruder Kurt, der Vater von Ruth. Sie gehörten zur Mannschaft aus dem Westviertel. Der Gegner war der Verein “Wacker 01”. Das waren die Arbeiter und die waren etwas fixer als die Beamten. Meine Mutter fragte, wenn er dann vom Sportplatz kam:„Und? Wie hoch habt ihr verloren?“ Als mein Vater nicht mehr selbst kickte, wurde er Schiedsrichter. Natürlich wird man als Schiedsrichter auch mal ausgepfiffen. Das mochte er überhaupt nicht, und so wechselte er in die Verwaltung des Vereins. Außerdem hat er dann jeden Sonntagabend den Sportbericht mit der Maschine getippt – mit einer Durchschrift, da es zwei Zeitungen in Gotha gab. Die Berichte musste er dann auch gleich bei den Zeitungen einwerfen. Für den Rückweg von den Zeitungsredaktionen nahm er einen anderen Weg. Dieser führte am „Goldenen Ring“ vorbei. Dort trafen sich die Männer immer abends auf ein Glas Bier, oder auch zwei. Meine Mutter sagte, „Otto, komm aber nicht zu spät. Du kannst auch den normalen Weg nehmen, den schnelleren.“ Das war ihr Ritual. Die haben sich da nicht betrunken, sondern kamen brav um 11 nach Hause. Meine Mutter ist manchmal auch mit zum Sportplatz gegangen. Dadurch hat sie auch ein bisschen vom Fußball verstanden. Als wir noch oben im Ostviertel wohnten, wo der Sportplatz war, bin ich auch öfters mitgegangen. Seine Fussballbegeisterung hielt sein ganzes Leben an, später war der „Nürnberger Club“ sein Favorit. Am Wochenende war er zeitweise nicht ansprechbar, bei den Übertragungen der Bundesliga-Spiele kroch er förmlich in den Radioapparat hinein. Meine Eltern besaßen niemals ein Auto. Mein Vater meinte, er könne ja gut Rad fahren. Als der Volkswagen vorgestellt wurde, bekam er dann aber doch Lust auf ein Auto. Er eröffnete der Familie, dass er uns für den Volkswagen angemeldet hatte. „Kraft durch Freude Wagen“ hieß der damals noch. 500 Mark mussten wir anzahlen und dann sparten wir an. Das Auto kostete 2000 Mark. Als es dann endlich soweit war, dass wir unser Auto bekommen sollten, war bereits Krieg und die Volkswagenwerke stellten sich auf Kübelwagen um. Vater hatte immer alle Prämien gezahlt. Er wurde darauf vertröstet, dass die Wagen nach dem Krieg ausgeliefert würden. Meine Mutter merkte nun an, dass er gar keinen Führerschein habe. Er sagte nur, „Gemach“. Nach dem Krieg war das Geld sowieso weg und der Traum vom VW-Käfer aus. Meine Mutter hatte eine Lehre als Weißnäherin gemacht, und so fertigte sie sämtliche Wäsche, Unterwäsche, Hemden, Bettund Tischwäsche für die ganze Familie an. Zudem half sie als junge Frau auch in der Schneiderwerkstatt ihrer Mutter und erlernte dort weitere Fähigkeiten. Später, als unser Thomas auf der Welt war, rief sie aus: „Um Gotteswillen, ein Junge! Und ich kann keine Hosen nähen!“ Sie war eine lustige, schlagfertige Frau und sehr auf Harmonie bedacht. Da sie nie außer Haus arbeitete, mangelte es uns Kindern und meinem Vater an nichts. Meine Mutter war eine gute Hausfrau und hat mir natürlich auch das Kochen beigebracht – allerdings dann schon während der Kriegszeiten, wo es an allem mangelte. Und so lernte ich ungewollt, wie man auch mit dem Wenigen kochte, was man kaufen oder organisieren konnte. Sie war im Hausfrauenverein engagiert und liebte es Musik zu hören. So ging sie mit meinem Vater zum Musikverein Philharmonie. Meine Mutter Gertrud war es, die ihren Mann in das Gothaer Landestheater brachte, wo das Paar über viele Jahre ein Abonnement hatte.

Kindheit Am 10. April 1925 wurde ich in Gotha als zweite Tochter meiner Eltern geboren. Meine Schwester Ursula und ich sind sehr behütet aufgewachsen. Stellte ich mir damals meine Zukunft vor, dann wollte ich ganz genauso leben wie es meine Eltern taten. Nicht so meine Schwester! Sie hatte immer große Pläne und wollte in die weite Welt hinaus. Afrika war ihr Traum. Ich dagegen wollte immer in der Nähe meiner Mutter sein. Hätte mir jemand an meiner Wiege gesungen, was ich alles erleben würde: dass ich Krieg, Aufbau, Flucht und Wiederaufbau mitmachen würde, einen Geschäftshaushalt führen und Kinder großziehen würde; nebenbei in der Fabrik helfen sollte, mal sorgenvoll in die Zukunft blicken, wenn Aufträge ausblieben, …aber es doch zusammen mit meinem Mann schaffen würde innerhalb von 7 Jahren nach der Flucht ein Zuhause aufzubauen – also wenn ich all dies wirklich gewusst hätte… ich hätte mich wahrscheinlich schlafend gestellt.

Autorin: Petra Schaberger
Layout & Satz: ebenfalls

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